Kaminfeuer 2004

Gespräch am Kaminfeuer 2004

Das Gespräch am Kaminfeuer in der Presse

Aargauer Zeitung vom 4. November 2004

Wer inszeniert besser, Politik oder Medien?

Kaminfeuergespräch mit Iwan Rickenbacher

Es ist schwer heute, Christdemokrat zu sein, darum bin ich einer.» Aber: «Ich mache nie mehr etwas für Geld für eine Partei.» Dies sind Bekenntnisse eines landesweit bekannten Polit-Exegeten, des früheren CVP-Generalsekretärs und heutigen Kommunikations-Beraters Iwan Rickenbacher aus Schwyz. Der Journalistenverein Aargau-Solothurn (JVAS) hatte ihn zu einem Kaminfeuergespräch nach Staufen geladen. Der Abend lieferte für die Journalistinnen und Journalisten wertvolle Anregungen zur Selbstreflexion und Denkanstösse zum Thema Politik und Medien.

Krise im Bundesrat?
«Nein, das ist keine Krise», dementiert Rickenbacher energisch, «was wir gegenwärtig erleben, sind Nachbeben einer Gewichtsverschiebung nach 40 Jahren Stabilität in der Regierung.» Die SVP kämpfe nun um die Führungsrolle im bürgerlichen Lager «für die nächsten 50 Jahre», nachdem diese Führung von 1848 bis 1959 beim Freisinn gelegen hatte. Blocher spiele dabei ein Doppelspiel: zahm und handsam in den entscheidenden politischen Gefechten, störrisch und gezielt provozierend auf der Theaterbühne mit viel Publikum, wie zum Beispiel am Abend des letzten Abstimmungssonntags oder bei Hahnenkämpfen im Bundesrat. Das mache er für zwei Zielgruppen: für die eigene Klientel, die ihn damit immer noch als Oppositionspolitiker wahrnehme - und für die Medien.

Wer inszeniert besser?
Lassen sich die Medien vor den Karren inszenierungsbewusster Politiker spannen? Noch immer gilt im Land das Bild der einerseits investigativen und anderseits inszenierungssüchti-gen Journalistenzunft. Rickenbacher glaubt, dass sich das Bild schleichend verändert hat: Heute seien es die gewieften Politiker, welche die Themen und Provokationen setzen und so die Medien zum Reagieren zwingen würden. Beleg: Nicht nur alle wichtigen Ereignisse, sondern auch alle wichtigen Indiskretionen passieren heute am Samstag, denn am Sonntag balgen sich drei Zeitungen um den «Primeur» des (Ruhe-)Tages. Dies wäre dann gleichsam die Rache der Politiker, die mit den in die parteiunabhängige Freiheit geschwommenen Zeitungen ihre Sprachrohre verloren haben. Fraglos beherrscht die SVP dieses mediale Spiel am besten, Albisgüetli, Egglialp und Hotel National lassen grüssen. Den Zeitungen fehlten in ertragsschwachen Zeiten oft die Mittel, um das Spiel zu hinterfragen, das heisst auf die Inhalte statt auf die Theaterinszenierung einzugehen.

Medien als Opinion Leaders?
Rickenbacher glaubt nicht, dass die Medien die Meinungsbildung im Land entscheidend beeinflussen können. Die Leute bilden sich ihre Meinung eher durch Gewährsleute im persönlichen Umfeld. Mediale Aufklärung - oder Propaganda - spiele am ehesten in den Feldern, die sich dem Alltagswissen entziehen (Stammzellenforschung). Einzelne Gegenbeispiele bestätigen die Regel: So habe der Fernsehbeitrag über den ausländischen Autoraser die Einbürgerungsvorlagen sicher beeinflusst.

Zum Schluss zurück zum Bundesrat: Er habe an Würde verloren, findet Iwan Rickenbacher. Wenn sich Bundesräte streiten und zu Wahl- und Abstimmungskampfmaschinen degradieren lassen, sei das Volk nachhaltig irritiert. Denn das Volk plagten heute echte Fragen um die Zukunft und für diese Fragen möchte es von der Politik eine Antwort. Und bei uns, die wir kein Staatsoberhaupt und keine Königin haben, sei der Bundesrat eben eine Art kollektives Staatsoberhaupt. Und ein solches habe Würde auszustrahlen. (Fa)